Von Emirhan Solmaz · 19. September 2026
Zum neuen Schuljahr haben mehrere Bundesländer die Regeln für Handys in der Schule verschärft. Hessen verbietet die private Nutzung an allen Schulen, Sachsen ab diesem Schuljahr bis Klasse 8, Rheinland-Pfalz hat ein Verbot bis Klasse 10 angekündigt, und in Baden-Württemberg muss jede Schule bis zu diesem Schuljahr eine eigene Regelung haben. In Nordrhein-Westfalen entscheiden die Schulen weiterhin selbst, mit einer dringenden Empfehlung für Grund- und Förderschulen.
Man kann über diese Verbote streiten. Für das Lernen Ihres Kindes ist eine andere Frage wichtiger: Was passiert nachmittags, wenn das Handy wieder neben dem Heft liegt?
Die Ergebnisse von PISA 2025, veröffentlicht Anfang September 2026, enthalten erstmals genauere Zahlen zur Ablenkung durch digitale Geräte. Ein Drittel der deutschen Jugendlichen gibt an, im Unterricht durch das eigene Gerät oder das von Mitschülern abgelenkt zu werden. Das liegt über dem Durchschnitt der OECD-Länder.
Zwei Drittel besuchen inzwischen eine Schule mit Handyverbot. Dort berichten deutlich weniger Jugendliche von Ablenkung. Das ist ein Argument für die Verbote. Es ist aber auch ein Hinweis darauf, wo die Ablenkung hinwandert: nach Hause, an den Schreibtisch, in die Hausaufgabenzeit, die niemand kontrolliert.
Eine Zahl aus der Studie finden wir dabei besonders aufschlussreich: Deutsche Jugendliche nutzen digitale Geräte nach eigener Angabe rund 1,7 Stunden am Tag zum Lernen. Das Problem ist also nicht der Bildschirm an sich. Das Problem ist, was auf demselben Bildschirm zwei Fingertipps entfernt liegt.
Die meisten Familien, mit denen wir sprechen, haben eine Regel: Handy auf lautlos, während gelernt wird. Das klingt vernünftig und bringt fast nichts.
Der Grund ist gut untersucht. Ein Handy, das sichtbar auf dem Tisch liegt, beansprucht Aufmerksamkeit, auch wenn es stumm ist und niemand es anfasst. Ein Teil des Kopfes ist damit beschäftigt, nicht hinzuschauen. Diese Anstrengung fehlt dann bei der Textaufgabe.
Dazu kommt der Wechsel. Wer beim Lernen alle paar Minuten kurz aufs Handy schaut, braucht danach jedes Mal eine Weile, um wieder in die Aufgabe zu finden. Zwanzig kurze Blicke in einer Stunde bedeuten zwanzig Neustarts. Die Stunde am Schreibtisch war dann real vielleicht 25 Minuten Lernen.
Ihr Kind lügt nicht, wenn es sagt, es habe zwei Stunden gelernt. Es war zwei Stunden am Schreibtisch. Das ist nicht dasselbe.
Wir haben in den letzten Jahren viele Varianten gesehen. Diese drei haben sich bewährt, weil sie einfach sind und weil sie nicht auf Willenskraft setzen.
Anderer Raum, nicht andere Ecke. Das Handy liegt während der Lernzeit in einem anderen Zimmer. Nicht in der Tasche, nicht umgedreht, nicht in der Schublade. Der Weg dorthin muss so lang sein, dass man ihn nicht nebenbei geht. Das gilt übrigens für Eltern am Küchentisch genauso, sonst ist die Regel nach drei Tagen tot.
Feste Blöcke mit festem Ende. 25 bis 40 Minuten ohne Gerät, dann zehn Minuten frei, auch mit Handy. Ein Ende, das man kennt, macht den Verzicht erträglich. „Bis du fertig bist" ist kein Ende, das ist eine Drohung.
Musik ja, Feed nein. Viele Jugendliche lernen besser mit Musik, und dagegen spricht wenig. Die Playlist wird vorher gestartet, das Gerät kommt weg. Wer während des Lernens die Musik wechselt, ist in dreißig Sekunden bei den Nachrichten.
Diese Frage bekommen wir oft, weil unser Unterricht komplett online stattfindet. Ist das nicht ein Widerspruch?
Nein, und der Unterschied ist wichtig. Ablenkung entsteht nicht durch den Bildschirm, sondern durch die Wahl, die er anbietet. Im Online-Unterricht sitzt auf der anderen Seite eine Lehrkraft, die Fragen stellt, auf Antworten wartet und merkt, wenn der Blick abschweift. Es gibt in diesen 45 Minuten keine Wahl. Das Handy liegt derweil, siehe oben, im anderen Zimmer.
Schwierig wird es beim Lernen allein am Laptop, mit dem Chatfenster im zweiten Tab. Dazu haben wir einen eigenen Artikel geschrieben: Sechs Regeln, mit denen Ihr Kind die KI zum Lernen nutzt.
Manchmal ist das Handy nicht die Ursache, sondern die Flucht. Wer eine Aufgabe nicht versteht, greift zum Gerät, weil das angenehmer ist als das Gefühl, nicht weiterzukommen. Dann hilft keine Handyregel der Welt.
Achten Sie darauf, ob das Ausweichen fachbezogen ist. Greift Ihr Kind bei Englischvokabeln nie zum Handy, bei Mathe aber nach zwei Minuten, dann liegt das Problem in Mathe, nicht im Handy. Das ist eine gute Nachricht, weil sich ein Fachproblem lösen lässt. Wie Sie dabei zwischen Konzentration und einer echten Lücke unterscheiden, steht in LRS oder Konzentrationsschwäche?.
Die Schule regelt das Handy jetzt vielerorts, zu Hause bleibt es Ihre Aufgabe. „Lautlos" reicht nicht, das Gerät muss aus dem Raum. Feste Blöcke mit festem Ende machen den Verzicht erträglich. Und wenn das Ausweichen immer beim selben Fach passiert, ist das Handy nicht das Problem, sondern das Fach.
Wenn Sie den Verdacht haben, dass hinter der Ablenkung eine Lücke steckt, schreiben Sie uns kurz. Im kostenlosen Erstgespräch finden wir in einer Viertelstunde heraus, ob es am Stoff liegt oder an der Aufmerksamkeit.
Mein Kind braucht das Handy für die Hausaufgaben, die Aufgaben stehen in der Schul-App. Dann wird die Aufgabe abgeschrieben oder abfotografiert, bevor die Lernzeit beginnt, und das Handy geht danach in den anderen Raum. Für die Recherche reicht in fast allen Fällen der Laptop mit einem Tab.
Ab welchem Alter kann ein Kind das selbst regeln? Später, als die meisten Eltern hoffen. Selbst Erwachsene schaffen es kaum, ein sichtbares Handy zu ignorieren. Eine feste Regel entlastet Ihr Kind, weil es nicht jedes Mal neu entscheiden muss.
Was, wenn es Streit gibt? Streit gibt es meist, wenn die Regel unklar oder verhandelbar ist. Eine klare Regel, die auch für Sie gilt und die ein festes Ende hat, wird nach einer Woche zur Gewohnheit. Verhandeln Sie über die Länge der Blöcke, nicht über das Prinzip.
Gilt das auch für die Smartwatch? Ja. Alles, was Nachrichten anzeigen kann, gehört während der Lernzeit weg.
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